Kontrastreich. Gigondas und die Dentelles de Montmirail

Als jucundus – angenehm, heiter, liebenswürdig – charakterisierte man erstmalig im Jahr 950 den Siedlungsflecken am Fuß der Dentelles de Montmirail. Mittlerweile hat sich das lateinische Adjektiv zum Namen Gigondas gewandelt. Angenehm ist es in dem kleinen Winzerdorf allerdings geblieben. Hinter der Festungsmauer, die über die letzten Häuser am Berghang hinausragt, steigen die scharfen Spitzen (Dentelles) von Kalkfelsen in den provenzalischen Himmel. Graue, unwirklich wirkende Platten, die sich vor Millionen von Jahren lotrecht aufgefaltet haben. Darunter schmiegen sich Weingärten an eine sanfte, zum Fluss Ouvèze abflachende Hügellandschaft. Hier wächst der Stolz der Gemeinde – Trauben der Rebsorten Grenache, Syrah und Mourvèdre, aus denen wuchtige Rotweine gekeltert werden. Seit 1971 dürfen die Winzer ihren Wein auch mit der Herkunftsbezeichnung Gigondas AOC (Appellation d’Origine Contrôlée) vermarkten. Weiterlesen

Ein Hauch von Hollywood. Die Dörfer Goult und Lacoste verzaubern auch Stars

Goult ist ein Juwel. Der winzige Ort liegt hinter Wäldern versteckt auf einem Hügel, gut hundert Meter oberhalb der Départementstraße 900 im provenzalischen Vaucluse. Das Ambiente in den mittelalterlichen Gassen ist kaum zu toppen und so wundert es nicht, dass die alten Häuser, die Villen am Hang und die prächtigen Gutshöfe im Umland als Zweitwohnsitz hochbegehrt sind. Filmstars wie Jonny Depp und Vanessa Paradis, Roman Polanski und Emmanuelle Seigner, John Malkovich, der Regisseur Ridley Scott und der Schriftsteller Peter Mayle besitzen in der Umgebung Residenzen und der Modeschöpfer Pierre Cardin verfügt in Lacoste gar über das Schloss des berüchtigten Marquis de Sade.

Der außergewöhnlichen Struktur seiner Gäste ist wohl auch die hohe Dichte traumhafter Restaurants geschuldet, die allein schon den Besuch von Goult rechtfertigen. Man kann sich aber auch einfach nur von dem Zauber der malerischen Plätze und historischen Bauten einfangen lassen, zum Beispiel bei einem Spaziergang auf der Rue de la République an netten kleinen Läden und dem Schloss vorbei zum Gipfel des Hügels, auf dem die „Windmühle von Jerusalem“ über dem gesamten Ensemble thront. Weiterlesen

Und ewig lockt der Mont Ventoux. Die alte Lust auf Berg

Dirk gewidmet, der mich mit diesem Berg vertraut gemacht hat

Er reckt sich keck fast zweitausend Meter hoch in den provenzalischen Himmel und beansprucht ein Alleinbeachtungsrecht. Und das bekommt der Mont Ventoux auch.

Bei Sonne kontrastiert sein kalkweißes Haupt dramatisch zu dem endlosen van-Gogh-Blau, das sich über die Provence spannt. Bei schlechtem Wetter verschwindet der massige Kegel dunkel und unwirklich in der Wolkenfront. Ganz oben faucht meist ein orkanartiger Wind. Das hat ihm auch seinen ursprünglichen Namen gegeben – Ventosus, der Windige.

Für den Dichter Francesco Petrarca war er der Olymp in der Provence. Seine vermeintliche Besteigung des Berges im Jahr 1336 hat er wortgewaltig beschrieben und sich dabei gehörig selbst inszeniert. Für die Kelten war der Berg Sitz der Windgötter und heute zieht er als Königsetappe der Tour de France Radfahrer aus aller Welt an, die auf den rund dreiundzwanzig Kilometern bis zum Gipfel ihr Ego pflegen. Bei der Tour selbst war wohl oft Epo eine beschleunigende Anstiegshilfe und mit Tom Simpson fand dort 1967 ein erster Fahrer dieser Radrundfahrt durch Amphetamine und Alkohol den Tod. Für Touristen ist „der Gigant der Provence“ schlicht ein Muss. Weiterlesen

Magische Bücherwelt. Die Kornblume des Monsieur Gattefossé

Banon liegt abseits. Hier war jahrhundertelang das Ende der Welt verortet – umgeben von schrundigen Felsen, Eichen- und Kastanienwäldern, Lavendel, Ziegen und Einsamkeit. Bis heute führt kein nennenswerter Verkehrsweg in diese provenzalische Idylle, die in den letzten dreiundzwanzig Jahren für Bibliophile zum Nabel der Französischen Republik geworden ist.

Die Ursache dafür ist die Buchhandlung Le Bleuet – zu Deutsch Die Kornblume – des Joël Gattefossé. Die Librairie durchzieht mit dem verzaubernden Geflecht ihrer magischen Bücherwelt ein pittoreskes Ensemble altertümlicher Häuschen im Zentrum des Tausend-Seelen-Ortes Banon. Dort stehen mehr als zweihunderttausend Bücher dicht an dicht in Alleen heller Holzregale. Eine Million weiterer Werke sind jetzt in einem neuen Gebäude am Dorfrand untergebracht. Damit ist Le Bleuet an die Spitze der größten französischen Buchhandlungen gerückt.
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Natürlich blond. Francesco Petrarcas Laura

Sie war blond. Sie war jung. Sie war schön Laura, Francesco Petrarcas sorgfältig konzipierte Muse, der er in 366 Versen huldigte. Von 1356 bis zu seinem Tod arbeitete er immer wieder an den Liebesgedichten an Laura. Veröffentlicht hat er sie nie und namentlich taucht die Angebetete nur einmal darin auf. Als Canzoniere ging das Werk in die Literaturgeschichte ein und begründete Petrarcas Ruf als bedeutendster Lyriker des Abendlandes. Weiterlesen

Tiefer Abstieg. Die Unterwelt des Vaucluse

Die Karstlandschaft des Vaucluse ist von unzähligen Spalten, Gängen und Höhlen durchzogen. Sie heißen in Frankreich Gouffre oder Aven und mehr als 600 davon zählen Höhlenforscher allein rund um den kleinen Ort Sault. Manche dieser Schachthöhlen sind absolut spektakulär.

In die Tiefe von 746 Meter hinab führt zum Beispiel die Höhle Le Trou Souffleur bei Saint Christol und 667 Meter sind es beim Aven du Caladaïre am Rande von Monsalier. Neben vielen weiteren „Höllenschlunden“ nehmen sie auf einer 1.100 Quadratkilometer großen Fläche das Ablauf- und Sickerwasser des Mont Ventoux, der Montagne de Lure sowie des Plateau de Vaucluse auf und leiten es bis zu den undurchlässigen Schichten in der Unterwelt des Karst. Dort staut sich das gigantische Reservoire des Albion-Flusses, um bei hohem Wasserstand bei Fontaine de Vaucluse als Fluss Sorgue wieder zu entspringen. Weiterlesen