Das Bücherhaus. Ein neuer Provence-Krimi mit Kommissar Luc Vidal

Das Bücherhaus. Titelseite

Das Bücherhaus. Titelseite

Der Südwesthang des Mont Ventoux wird klimatisch bereits vom Mittelmeer geprägt. Seine Ausläufer neigen sich als ein schier endloses Weinbaugebiet bis an das Ufer der Rhône. Dazwischen ragen auf einer Länge von rund 8 Kilometern die Kalksteinplatten der Dentelles de Montmirail nahezu parallel zum Fluss senkrecht in den provenzalischen Himmel.

Für mich bedeutet dieser Teil der Provence Faszination pur. Und so stand fest, dass es einen weiteren Fall für Kommissar Luc Vidal geben würde, der genau dort spielen sollte. Da zudem der Dichter Francesco Petrarca (1304–1374) in der Renaissance dort gelebt, geschrieben und der legendären Laura in 366 Gedichten gehuldigt hat, lag es nahe, einen Krimi über Bücher zu schreiben. Petrarcas Provence übernimmt so eine ganz besondere Rolle in der Handlung meines Kriminalromans Das Bücherhaus.

Ein Lesevergnügen nicht nur für anspruchsvolle Provence-Fans

Beim Tod der 84-jährigen Claire de Roquesteron stellt ihre Erbin Amandine fest, dass ein 1505 erschienenes Buch mit bislang unbekannten Briefen Francesco Petrarcas aus der Bibliothek des Bücherhauses verschwunden ist.

Dies setzt nicht nur die Ermittlungen des Kommissars Luc Vidal in Gang, sondern gleich eine ganze Kette von Verbrechen. Bei seiner Tätersuche muss sich Luc Vidal auch mit Petrarcas Liebesdichtung an Laura, mit dessen vorgeblicher Besteigung des Mont Ventoux und der Verlagsgeschichte von Aldus Manutius auseinandersetzen.

Zudem bringen ihn die Ausstrahlung der 22-jährigen Amandine und die subtil-erotische Wirkung einer Bronzeskulptur an seine Grenzen. Dabei ist eines gewiss: Irgendwo in Petrarcas Provence – zwischen den Kalkfelsen der Dentelles de Montmirail, den Weinbergen von Gigondas und der trügerischen Idylle von L’Isle-sur-la-Sorgue – wartet auf das nächste Opfer der Tod.

Das Bücherhaus. Luc Vidals zweiter Fall
Paperback 266 Seiten, mit ca. 14 einfarbigen Abbildungen
12,89 EUR (D), 13,30 EUR (A)
ISBN: 978-3-945182-12-3

E-Book (ePub und Mobi)
6,49 EUR (D), 6,6 EUR (A)
ISBN: 978-3-945182-02-4

Leseprobe

Alle Rechte vorbehalten © 2015 cleevesmedia, Meckenheim
Alle Veröffentlichungen – auch auszugsweise – nur mit ausdrücklicher Genehmigung durch den Verlag. www.cleevesmedia.de

»Es flatterten die goldnen Haare in der Luft,
welche sie in tausend anmuthige Locken wand:
und das liebliche Licht strahlte flammender als gewöhnlich
aus den schönen Augen, dessen sie jetzt fast beraubet sind …
Ihr Gang, war nicht der Gang einer Sterblichen,
sondern einer Engelsgestalt und ihre Worte
tönten anders, als eine menschliche Stimme!«

Francesco Petrarca, Sonett 68 (an Laura).
In einer Übersetzung von Friedrich Schiller,
erschienen in Neue Thalia, 4. Band, 1793

eins – Freitagmorgen

An den Wänden hingen Schwarz-Weiß-Fotos. Porträts, Akte, exotische Reiseländer, Friedhöfe. Szenen einer längst vergangenen Zeit. Einige der Porträtierten erkannte er. Camus war darunter, und auch Picasso. Es gab auch Fotos amerikanisch aussehender Frauen und Männer vor orientalischer Kulisse. Es waren schmale, lässige Typen mit wachen Gesichtern.

Ein antiker Kleiderschrank und einzelne kleine Möbelstücke waren scheinbar wahllos in dem Raum aufgestellt. Dazwischen reihten sich verspielte Leuchter und Spiegel, die bunte Lichtreflexe abstrahlten und dieses Zimmer um immer neue Perspektiven erweiterten. Das Ganze glich einem Museum. Reiseerinnerungen. Jugenderinnerungen. Begegnungen. Die Momentaufnahmen eines Lebens. Im Zentrum dieser Zusammenstellung stand ein Bett. Schwarzes, gedrechseltes Holz wuchs vom gefliesten Fußboden zu einem Baldachin empor, unter dem sich eine Kathedrale des Schlafes ausbreitete. Darauf lag die tote Frau. Sie war zierlich. Ihre blasse, faltige Haut verriet das Alter. Sie war vierundachtzig gewesen.

Kommissar Luc Vidal beugte sich zu dem kleinen Tisch neben dem Bett hinunter, neigte den Kopf zur Seite und las das Etikett einer Weinflasche. »Gigondas«, murmelte er, »ein Signature von zweitausendvier.«

Der Wein hatte Spuren auf das Gesicht der Toten gemalt. Ein intensives Dunkelrot, fast ins Violett gehend, durch das schwach die Haut hindurchschien. An den eingetrockneten Rändern der Verlaufsspuren war die Flüssigkeit zu einer fast schwarzen, krustigen Konsistenz eingetrocknet. Um den Kopf herum war das Laken vom Wein durchfärbt und auf dem Boden lag ein zersplittertes Glas über angetrockneten Weinflecken.

Er drehte sich zu der Frau um, die ihn in das Zimmer begleitet hatte. Amandine Moreau war jung. Eigentlich noch ein Mädchen. Ihr Gesicht war schmal und blass und von langem, goldbraunem Haar gerahmt. Helle Sprenkel von Sommersprossen zeichneten ein lebhaftes Bild auf die schmalen Flügel ihrer Nase. Sie hatte sich bei den wenigen Schritten mit ungewöhnlicher Geschmeidigkeit und Grazie bewegt und stand jetzt an einen schlaksigen Jungen gelehnt. Max, hatte sie ihn Luc Vidal vorgestellt. Ein Deutscher. Ihr Freund. Er spräche gut Französisch.

»Hat Ihre Tante immer nachts im Bett Rotwein getrunken?«

Amandine Moreau nickte. »Und dazu meist noch Zigarillos geraucht«, sagte sie und bewegte ihr Kinn leicht in Richtung des Tisches, auf dem ein Aschenbecher neben der Flasche mit dem Gigondas stand. Ihre Stimme löste eine Gänsehaut bei Luc Vidal aus.

Über dem abgestandenen Rauch lag noch der Duft eines schweren, sinnlichen Parfums. »Ist das Patschuli?«, fragte der Kommissar und die Frau nickte. Dann schnupperte er an den eingetrockneten Resten der Flüssigkeit, streifte einen Handschuh über und schob den Mund der Toten vorsichtig etwas auseinander. Ein roter Tropfen lief aus dem Mundwinkel. »Was macht Sie glauben, dass dies ein Mord war?« Er sah Amandine Moreau aus seiner gebückten Haltung von unten an.

»Intuition!«

»Ahh …! Und deshalb wollten Sie auch, dass jemand von der Kripo kommt.«

Sie nickte wieder. »Und was meinen Sie, Monsieur le Commissaire, habe ich recht?«

Vidal wog den Kopf »Mhh …, es wäre doch möglich, dass ihre Tante sich an dem Wein verschluckt hat und daran erstickt ist. Kommt als Todesursache recht häufig vor. Vor allem bei hohem Alkoholkonsum.«

Er sah Amandine fragend an, die einen Moment lang unentschlossen auf ihrer Unterlippe kaute. »Es passt aber einiges nicht zusammen!«

»Zum Beispiel …?«

»Sie hat im Bett immer Magazine gelesen, aber es liegt keines in ihrem Bett oder am Boden, das hinuntergefallen sein könnte, als sie starb. Alle liegen hier fein säuberlich auf dem Stapel. Und mit dem letzten Schluck im Bett hätte sie sich aufgerichtet, den Zigarillo ausgedrückt und das Glas auf den Tisch gestellt. Wenn sie in diesem Augenblick gestorben wäre, wäre sie wohl aus dem Bett gefallen. Oder der Wein wäre über ihre Brust gelaufen und der Fleck auf dem Laken mehr am Rand des Bettes. Tatsächlich sieht es ja ganz anders aus. Der Fleck befindet sich mehr oder weniger in der Mitte am Kopfende, so als hätte sie im Liegen getrunken.«

»Das scheint allerdings so! Ihre Tante hätte natürlich auch Wein trinken können, ohne dabei zu rauchen oder in einem Magazin zu lesen.«

»Wäre ungewöhnlich gewesen. Sie blätterte immer in den Magazinen, bis sie müde war.«

»Ohne Brille?«

»Sie hat sich die Bilder angesehen. Das ging noch ohne Brille. Gelesen hat sie selten.«

»Dann fehlt uns ja eigentlich nur noch das Motiv für einen Mord! Fällt Ihnen spontan eines ein?«

»Streitereien!«

»Mit wem?«

»Ich glaube mit den meisten.«

»Auch mit Ihnen?«

»Gelegentlich.«

»Kennen Sie Namen?«

»Ein paar … Nachbarn, alte Freunde.«

»Bücher«, mischte sich ihr Freund in das Gespräch ein.

»Bücher?«

»Das Motiv meine ich! … Sie besaß alte Bücher! Antiquarische Werke. Jede Menge. Schätze mal, dass die ein Vermögen wert sind.«

Der Kommissar ließ sich die Bibliothek zeigen. Es war ein Raum voller Magie, mit uralten Bücherregalen aus poliertem Holz, die über zwei Ebenen die hohen Wände bedeckten und deren obere Ebene von einer umlaufenden Galerie erschlossen war. Eine schmale Treppe aus dem gleichen, rötlich glänzenden Holz führte hinauf. Das weite Geviert war mit großen quadratischen Fliesen aus grob behauenem Stein bedeckt und die Luft war erfüllt von dem Duft alter Bücher. Abertausende davon standen in schier endlosen Regalreihen.

Max zeigte Vidal einige Werke aus den Anfängen des Buchdrucks. Dort gab es vereinzelt Lücken, die durch eine luftigere Anordnung der Bücher kaschiert worden waren. Vidal zog eines der Bücher heraus und schlug den ledernen Deckel auf. Dante Alighieri, Commedia, stand auf dem Innentitel. Die Datumsangabe lautete MDII, was, wie er rekonstruierte, 1502 bedeutete. »Vermutlich ist das hier tatsächlich einiges wert.« Er zog sein Handy aus der Tasche und rief im Kommissariat an. »Ich brauche den Erkennungsdienst in Saint-Martin.«

Während sie auf das Team warteten, brachte Amandine Kaffee.

»Sie leben hier allein mit Ihrer Tante!?«

»Nur noch in den Semesterferien. Ich studiere in Paris.«

»Und zuvor haben Sie mit Ihrer Familie hier gewohnt?«

»Bis mein Vater starb. Dann bin ich mit meiner Mutter nach Paris gezogen …«

»… und hat Ihre Tante dieses riesige Haus ganz allein weiter bewohnt?«

»Es hat sie nicht gestört.«

»Keine anderen Verwandten?«

»Ich war ihre letzte.«

»Damit wären Sie Erbin?«

»Vermutlich.«

Vidal machte eine Pause, trank Kaffee und blickte noch einmal fasziniert auf die unglaubliche Bücherflut. »Wann haben Sie die Tote gefunden?«, fragte er schließlich.

»Vorhin. So gegen sieben vielleicht. Wir wollten frühstücken. Ich wollte sie wecken.«

»Und da lag sie tot im Bett?«

»So, wie sie jetzt dort liegt.«

»Wann hatten sie zuletzt mit ihr gesprochen?«

»Gestern Abend. Bevor wir losgefahren sind.«

»Wohin?«

»Zu Freunden nach Avignon.«

»Wann sind Sie zurückgekommen?«

»Das war gegen zwölf«, sagte Max, »ich habe die Turmuhr gehört.«

»Und ist Ihnen da etwas aufgefallen? Unbekannte Fahrzeuge im Ort? Personen, die Sie nicht zuordnen konnten?«

Amandine schüttelte den Kopf. Max strich sich das Kinn. »Ein alter Renault stand ein Stück weit vor dem Stadttor und da wird kein Weinbauer nach seinen Reben geguckt haben.«

»Haben Sie die Nummer behalten?«

»Nein.«

»Und als Sie ins Haus gekommen sind, haben Sie da etwas bemerkt?«

»Nichts. Wir sind davon ausgegangen, dass Claire schläft.«

Während er wieder an seinem Kaffee nippte, betrachtete Kommissar Vidal die Hände von Amandine Moreau. Sie waren feingliedrig mit schmalen, langen Fingern. Er ließ sich Namen von Nachbarn und Bekannten geben – eine kurze Liste alter Menschen – und sie erwähnte einen Mönch. »Der ist mir hier zweimal kurz begegnet.«

»Und die Bekannten ihrer Tante? Was hielt die zusammen? Kartenspiele … gegenseitige Hilfe? …«, fragte Vidal.

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Erinnerungen. Früher war das eine feste Gruppe. Manchmal sind die nachts auf den Mont Ventoux gestiegen und haben Gedichte von Petrarca gelesen.«

»Petrarca? …«

»Der war hier so was wie der Hausheilige.«

»Und der hat nochmal wann gelebt …?«

»Dreizehnhundertirgendwas.«

Vidal zog die Augenbrauen hoch.

Als er das Haus verließ, hatte der Mistral die Wolken des frühen Morgens bereits auseinandergepflügt. Weiße, ausgefranste Schleier zogen rasend südwärts, darüber breitete sich ein immer tiefer werdendes Blau aus. Saint-Martin leuchtete unter dem Ansturm des Lichts in allen Facetten von Ocker. Der Wind schlug Fensterläden in zarten Minztönen, Lavendelblau und Chromoxidgrün klappernd gegen Hauswände und zerrte an blühenden Bougainvilleen und Rosenstöcken, die an Bruchsteinfassaden emporrankten. Dieser verschlafene Ort war die Inkarnation dessen, was die Provence ausmachte. Ein Mord passte eigentlich nicht hierher.

zwei

»Kommst du mit zum Essen?«, fragte Nicolas Gauthier.

Luc Vidal sah kurz zu seinem Partner auf und schüttelte den Kopf. »Ich muss mal Diät halten. Die Hemden spannen.«

Gauthier verharrte einen Moment lang und betrachtete Vidal mit einem schiefgezogenen Mundwinkel. »Ich hab heute Morgen beobachtet, wie du im Beisein von Amandine Moreau angestrengt den Bauch eingezogen hast. Hoffst du auf anerkennende Blicke einer Zweiundzwanzigjährigen?«

Gauthier drehte sich mit einem breiten Grinsen um und ging.

Der Mistral hatte an Kraft zugenommen und jetzt fast Sturmstärke erreicht. Er zerrte an allem, was auf dem Weg zum Mittelmeer Widerstand bot, bog Bäume, wirbelte den Staub der Straße auf und komponierte eine beständige Kulisse von klappernden, schlagenden und pfeifenden Tönen. Er würde drei, sechs oder neun Tage andauern. So war es die Regel. Dies rief einen Zustand von Gereiztheit hervor, machte die Nächte sternenklar und die Weitsicht vom Mont Ventoux grandios – und Luc Vidal musste mindestens einen weiteren Tag lang damit rechnen, witterungsbedingt von einer Migräneattacke befallen zu werden. Vidal wollte dem entfliehen. Montag wäre es wieder besser auszuhalten in der Stadt.

Kurz nach vier Uhr verließ er das Kommissariat und meldete sich vom Handy aus bei Amandine Moreau an. Er hielt in Carpentras am Supermarkt und kaufte eine fertige Salatmischung mit mageren Schinkenstreifen und dazu ein kalorienarmes Dressing. Seine Abendmahlzeit, die er in der Remise einnehmen würde, seinem Zufluchtsort seit mehr als einem Jahr. Colombier hieß der Weiler, in dem sich die beiden dringend renovierungsbedürftigen Räume befanden. Luc Vidal empfand das Leben dort als eine wohltuende Abwechslung zu seiner Wohnung in Avignon. Von Saint-Martin aus waren es nur wenige Kilometer dorthin. Arbeit und Bedürfnis nach Abgeschiedenheit erfuhren zumindest in diesem Fall eine räumliche Nähe.

Amandine Moreau schien gefasster zu sein, als er sie wiedersah. Sie war immer noch etwas blass und ihre grünen Augen wirkten müde, sie zeigte aber mehr Körperspannung als am Morgen. Sie war schmal, mit langen Gliedmaßen und stand durchgestreckt, mit leicht angewinkelten Armen vor ihm. Sprungbereit, dachte er, wie eine Katze, die zum Angriff übergeht.

»Legen Sie los«, sagte sie, »was ist in der Nacht passiert? Wurde Claire erstickt?«

»Möglich. Die genaue Todesursache wird die Gerichtsmedizin noch herausfinden. Es braucht Zeit … nächste Woche werden wir mehr wissen.« Er hob die Schultern.

»Wissen Sie wenigstens schon den genauen Todeszeitpunkt? Ich meine, irgendwann ist hier gestern Nacht ein Mörder im Haus gewesen. Und wir wären dem fast in die Arme gelaufen. Der muss sich ja auch durch den Ort bewegt haben. Vielleicht hat ihn jemand beobachtet?«

»Vermutlich starb Ihre Tante zwischen elf und zwölf Uhr.« Er machte eine Pause und ging weiter in die Halle hinein, von der aus Dielen hinter Türen mit Doppelflügeln in weitere Bereiche des Hauses und eine imposante Treppe in die oberen Geschosse führte. »Riesig … hat was von einem Schloss. Wer hier etwas sucht, muss sich verdammt gut auskennen, meinen Sie nicht?« Er lächelte Amandine Moreau an.

»Möglich …«

»Wenn wir einmal davon ausgehen, dass Ihre Tante ermordet wurde, dann scheint der Täter doch sehr gezielt in ihr Schlafzimmer gegangen zu sein, sonst hätte er sich doch vielleicht verlaufen … hätte Lärm erzeugt … irgendwie ihre Aufmerksamkeit geweckt. Aber das schien ja nicht der Fall gewesen zu sein.«

»Irgendwie nicht.« Sie zog eine Grimasse. »Nein, nicht so richtig. Er wird sie überrascht haben.«

»Aber nicht so, dass sie in Panik geraten ist. Sie hat weiter ihren Wein getrunken …«

»Ja. Ist merkwürdig! Wahrscheinlich kannten sie sich. Ich meine, so, dass es nicht ungewöhnlich für sie war, dass er plötzlich in ihrem Schlafzimmer stand.«

»Wir reden immer von einem Er. Könnte doch auch eine Sie gewesen sein.«

»Könnte.«

»Er oder Sie hätte einen Schlüssel haben müssen. Kennen Sie jemanden, der dafür in Frage käme? Der ganz selbstverständlich nachts bei Ihrer Tante im Schlafzimmer auftauchen konnte?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht jemand von den alten Freunden. Aber sie war da wohl auch etwas nachlässig. Ich meine, was Schlüssel angeht. Die Schlösser sind alle alt und wer weiß, wer im Laufe der Jahre hier Zutritt hatte …«

»… also, Sie haben keine spezielle Idee, um wen es sich handeln könnte?«

»Nee …« Amandine schüttelte den Kopf. Dann fragte sie beiläufig: »Haben Sie Spuren entdeckt?«

»Haben wir«, sagte er knapp.

Tatsächlich gab es eine Fülle von Spuren, die auf ein reges Kommen und Gehen über den rückwärtigen Eingang des Hauses schließen ließen. Es war hohes Gras niedergetreten worden, es gab Schleifspuren des Gartentors in der Erde und an einem Dornenstrauch war ein Kunststofffetzen hängengeblieben, der von einer Supermarkt-Einkaufstüte stammte. Zudem hatten sie so viele Fingerabdrücke sichern können, dass dies zumindest den Schluss zuließ, in dem Haus würde selten geputzt werden.

»Ich würde mir gerne noch einmal ihre Bibliothek ansehen.« Vidal ging zwei Schritte und blieb dann stehen. »Ihr Freund Max wäre hilfreich. Würden Sie ihn holen?«

Amandine ging an den Fuß der Treppe und rief nach oben: »Max, der Kommissar braucht dich. Komm mal!«

Vidal beobachtete sie von hinten. Sie trug hautenge Jeans. Für einen Moment schweiften seine Gedanken ab, bis Max sich oben über die Brüstung beugte.

»Worum geht’s?«

»Die Bibliothek! Sie scheinen sich dort gut auszukennen.«

»Ist spannend. Ich meine, wo hat man schon mal die Gelegenheit, in so was rumzustöbern. Ungestört und ohne Aufpasser. Uralte Werke, die es sonst kaum mehr gibt und die man woanders nie in die Hand nehmen darf.«

»Zeigen Sie mir, was daran so spannend ist?«

Die Bibliothek der Familie de Roquesteron war imposant. Seit Jahrhunderten hatte man Handschriften und Bücher zusammengetragen. Es gab eine Sammlung von Inkunabeln, Frühdrucke, die bis etwa um das Jahr 1500 gefertigt wurden und denen die typischen Merkmale eines Buchs, wie Titelseite, Kapitelüberschriften oder Seitenzahlen noch fehlten. Aus der Renaissance stammte eine umfangreiche und vermutlich einmal vollständige Sammlung von Werken aus dem Verlag des Venezianers Manutius. In dieser Sammlung hatte Max die deutlichsten Lücken entdeckt und im Internet recherchiert. Nach seinen Erkenntnissen fehlte zum Beispiel das 1513 erschienene Werk von Cicero, Epistolae ad Atticum und das 1505 veröffentlichte Gli Asolani von Pietro Bembo.

»Die haben hier alles in ihre Sammlung aufgenommen, was gedruckt worden ist. So richtig viele Titel waren das in den ersten Jahrhunderten allerdings nicht. Ich meine, nicht so wie heute. Und kaufen kann man die nirgendwo mehr. Höchstens mal bei seltenen Auktionen. Aber so ist im achtzehnten Jahrhundert auch der Name für dieses Haus entstanden – Mille livre, tausend Bücher. Tatsächlich sind es aber inzwischen vermutlich mehr als hunderttausend. Wenn die Menschen hier im Dorf über das Haus sprechen, nennen sie es das Bücherhaus.«

Nach einer Stunde verließ Luc Vidal die beiden und erreichte nach einer knappen Viertelstunde die Remise in Colombier. Es war eine etwas verwahrloste Idylle im Anbau eines charmanten Landguts, das einer britischen Malerin und Bildhauerin gehörte. Sue Addington kam regelmäßig im April in die Provence, blieb bis September und malte in dieser Zeit abstrakte Landschaften in dunklen, körperreichen Strichen. Luc hatte ihr dabei zugesehen, wie sie eine künstlerische Naturgewalt entfesseln konnte. Es bescherte ihr ein beträchtliches Vermögen.

Sie hatten sich kennengelernt, als am Morgen nach einer Vernissage eines ihrer Gemälde fehlte. Ein ungewöhnlicher Fall, der ihn mehrfach nach Colombier führte. Wenige Wochen nachdem der Fall geklärt gewesen war, hatte die Künstlerin ihn angerufen und ihm die Remise für gelegentliche Landausflüge angeboten. Für einen Spottpreis. Der eigentliche Zweck dieses Angebots war klar: Er würde Bewacher des Anwesens werden. Vidal hatte angenommen.

Die Südflanke des Mont Ventoux lag schon im Abenddunkel, als er Colombier erreichte. Der kahle Kegel wurde vom mattroten Licht einer in der Ferne untergehenden Sonne umspielt, während der Ort von altertümlichen Straßenlaternen bereits goldfarben getüncht war. Er hielt vor dem Bar-Tabac und gönnte sich eine Gitanes Maïs mit einem kleinen Weißen zum Feierabend. Jean-Michel, der seine Vorlieben inzwischen ebenso gut kannte, wie die aller anderen Einwohner, hatte beides schon für Vidal parat, als der zum Tresen kam. Als dann noch der Duft eines Hasenragouts in die Nase des Kommissars drang, das Jean-Michels Frau für den Tag auf die Karte gesetzt hatte, ließ er den gekauften Salat im Auto und verschob seine guten Vorsätze.

drei

Der Tag hatte die Illusion eines frühen Sommers geweckt. Tupfer frischen Grüns bedeckten in unzähligen Nuancen die Westflanke des Mont Ventoux. Anselm Bernhard saß auf der windgeschützten Steinbank vor dem alten Bauernhaus, das er im Herbst gekauft hatte, und betrachtete den Berg. Der Grat, den er von seinem Platz aus sehen konnte, verlief in einem mäßigen Neigungswinkel beständig in die Höhe. Ein mächtiger, kilometerlanger grüner Keil, der von einem intensiven Blau gesäumt war, das der Mistral an den provenzalischen Himmel malte. Die kahle Kuppe des Bergs blieb hinter dem Anstieg verborgen. Es war kühl. Der eisige Wind fegte das Rhônetal hinab zum Mittelmeer, drückte durch alle Ritzen der altersschwachen Fenster und zerrte lärmend an den wackeligen Fensterläden.

Anselm nahm es gelassen. Zwei arbeitsreiche Wochen und ein lange überfälliger Hausputz lagen hinter ihm. Er belohnte sich dafür mit dem epochalen Blick und einem Gigondas Signature, den er bereits am Mittag dekantiert hatte und der in einer Glaskaraffe temperieren und Sauerstoff ziehen durfte. Eigentlich war es nur eine einfache Cuvée aus Grenache und Syrah, die er in der Caveau, der Weinkellerei am Ortseingang von Gigondas entdeckt hatte. Aber es war ein perfekter Alltagswein, mit einer Struktur, die ihm zunehmend gefiel.

Später am Nachmittag kam Christine aus Paris. Sie war blendend gelaunt. »Ich habe riesige Lust, an diesem Wochenende die Provence zu erobern.« Sie schüttelte die Kaskade brauner Locken und grinste breit. »Bist du mein Mann?«

Anselm trank einen weiteren Schluck von dem Gigondas. »Da kannst du sicher sein!«

Sie drängte den Arm mit dem Weinglas zur Seite, setzte sich auf seinen Schoß und wuschelte in dem ungekämmten verdorrten Steppengras, das Anselms Kopf bedeckte. »Wir machen einen Ausflug nach L’Isle-sur-la-Sorgue, dort suche ich für meinen Vater zum Geburtstag ein hübsches altes Buch und dann machen wir irgendwo Picknick. Ganz idyllisch. An einem einsamen Bach, auf einer Decke, mit Rotwein und Käse. Und wenn es warm genug ist, können wir ein klitzekleines bisschen rumfummeln und unsere nackten Bäuche in die Sonne recken.« Sie küsste ihn auf die Nase. Später kochte er dann.

Sie saßen gemeinsam in der Küche. Ein altertümlicher Gasherd, eine Spüle, ein lärmender Kühlschrank und ein eichener Tisch, der seit Generationen zu diesem Haus zu gehören schien, waren das einzige Mobiliar. Das Holz war vom Gebrauch poliert, nahezu schwarz, mit Furchen und Einkerbungen. An der Kopfseite dominierte ein Kamin, der früher Kochstelle gewesen war und dessen Funktion sich jetzt darauf beschränkte, Büchern ein Platz zu geben. Christine las und Anselm kümmerte sich um Spargel und Erdbeeren aus Carpentras.

»Er muss bissfest sein«, dozierte er.

Christine nickte. »Und das geht wie?«

»Koch einfach die Schalen und holzigen Enden fünfzehn Minuten lang aus und koch dann einmal kurz den Spargel in diesem Sud auf. Danach lässt du ihn mehrere Minuten ohne weitere Wärmezufuhr garen und brätst ihn kurz in etwas Butter in der Pfanne an.«

»Und weiter?«

»Du legst ihn auf vorgewärmte Teller mit der Erdbeer-Vinaigrette, so wie ich es jetzt tue. Und voilà, Madame, Asperge tricolore. Violette Köpfe, weißer Stiel und rote Vinaigrette. Das müsste eine Französin eigentlich von einem Buch ablenken.«

»Tut es!«, sagte sie.

vier – Sonnabend

Anselm döste auf dem Beifahrersitz und öffnete nur hin und wieder kurz die Augen, wenn Christine ihn auf eine Besonderheit entlang der Strecke hinwies. Der Mistral hatte nachgelassen. Ein hellgrauer Schleier bedeckte den Himmel. Anselm hatte die Wetterveränderung morgens vom Bett aus beobachtet und wäre am liebsten liegen geblieben. Geweckt hatte ihn die Zungenspitze von Christine, die sanft in seiner Ohrmuschel kreiste. Dann hatte er ihre Finger gespürt, die an seinem Bauch hinabglitten. »Ein Teil von dir scheint schon wach zu sein, der Rest sollte jetzt folgen«, hatte sie geflüstert und sein Kinn mit ihren Zähnen umfasst.

Ganz langsam hatten der Duft ihrer Haut, das Kribbeln an seinen Fingerspitzen beim Ertasten ihres Körpers und seine zunehmende Erregung sein Bewusstsein erreicht und die Schläfrigkeit vertrieben. »Du zuerst«, hatte sie dann gegurrt und sich auf den Rücken gerollt. Seine Lippen waren an ihr herabgeglitten, bis er sich lange Zeit ganz auf die akrobatischen Bewegungen seiner Zunge konzentriert hatte. Danach hatte sie ihn opulent belohnt.

Eine Stunde später hielten sie in L’Isle-sur-la-Sorgue und Christine betätigte sich als Fremdenführerin. Die Sorgue, erklärte sie Anselm, umschließe die Insel des Zentrums und entspränge nur wenige Kilometer östlich der größten Quelle Europas, deren Wasser über smaragdgrüne Algen durch die Stadt ströme. Donnerstags sei Wochenmarkt und sonntags der große Provenzalische Markt, der sich praktisch über die ganze Innenstadt und entlang der Flussufer ausbreite. Ein Muss für jeden Touristen und eine Qual für jeden, der Menschenmassen scheue. Der heutige Samstag wäre hingegen ideal und böte die besten Voraussetzungen, um in einigen der vielen Brocantes, den Trödel-Läden, und in Antiquitätengeschäften nach Büchern zu suchen.

Hortense Clement betrieb eines der gediegensten Geschäfte dieser Art, mit ausgesucht hochwertigen Möbeln, stilvollen Accessoire, einigen wenigen, aber reizvollen Gemälden und Grafiken, Büchern und Manufakturwaren aus Glas und Porzellan. Anselm war von der erotischen Ausstrahlung der Frau beeindruckt, die ihn, ganz entgegen seiner Vorlieben, trotz ihrer Üppigkeit erreichte. Hortense Clement war mit routiniertem Lächeln, perfektem Make-up und textiler Extravaganz das eigentliche Juwel in dieser Galaxie polierter Kostbarkeiten. Christines Suche gestaltete sich dagegen langwieriger, als er bereit war, sich mit Antiquitäten und Hortense zu beschäftigen. Er suchte sich vor dem Geschäft einen windstillen Platz in einem weitläufigem, begrüntem Atrium, das von einem Vorderhaus und zahlreichen pavillonartigen Gebäuden begrenzt war. Dort boten gut dreißig Händler Brocantes und Antiquités an. Nach einer halben Stunde kam Christine mit zufriedenem Lächeln zu ihm heraus. Madame Clement verabschiedete sie an der Tür.

»Ich hab ein Buch von Francesco Petrarca gefunden. Bislang unverkäuflich. Sie hat noch keinen Preis. Aber sie ruft mich an und hält es für mich zurück. Ich hab Fotos gemacht. Es ist spannend.«

»Und wie ist die Frau an das Buch gekommen?«

»Ein Kommissionsgeschäft. Es kommt aus einer privaten Bibliothek.«

 

Ende der Leseprobe.

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