Kontrastreich. Gigondas und die Dentelles de Montmirail

Als jucundus – angenehm, heiter, liebenswürdig – charakterisierte man erstmalig im Jahr 950 den Siedlungsflecken am Fuß der Dentelles de Montmirail. Mittlerweile hat sich das lateinische Adjektiv zum Namen Gigondas gewandelt. Angenehm ist es in dem kleinen Winzerdorf allerdings geblieben. Hinter der Festungsmauer, die über die letzten Häuser am Berghang hinausragt, steigen die scharfen Spitzen (Dentelles) von Kalkfelsen in den provenzalischen Himmel. Graue, unwirklich wirkende Platten, die sich vor Millionen von Jahren lotrecht aufgefaltet haben. Darunter schmiegen sich Weingärten an eine sanfte, zum Fluss Ouvèze abflachende Hügellandschaft. Hier wächst der Stolz der Gemeinde – Trauben der Rebsorten Grenache, Syrah und Mourvèdre, aus denen wuchtige Rotweine gekeltert werden. Seit 1971 dürfen die Winzer ihren Wein auch mit der Herkunftsbezeichnung Gigondas AOC (Appellation d’Origine Contrôlée) vermarkten.

Das Weindorf Gigondas (Bildmitte) am Rand der Dentelles de Montmirail. Foto ©: Mimova/public domain; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:DentelleMontmirail.jpg [19.12.2013]. Zum Vergrößern bitte auf das Motiv klicken

Das Weindorf Gigondas (Bildmitte) am Rand der Dentelles de Montmirail. Foto ©: Mimova/public domain; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:DentelleMontmirail.jpg [19.12.2013]. Zum Vergrößern bitte auf das Motiv klicken

Vom Wein zum Öl zum Wein

Der Weinbau hat in Gigondas Tradition, bereits 1120 ist ein erster Weinberg schriftlich belegt. Im 19. Jahrhundert verlagerte sich der Anbau dann aber zunehmend auf Oliven und Maulbeeren für die Seidenraupenzucht. Mit der Invasion der Reblaus 1865 (bis 1885) kam schließlich das vorläufige Ende für den Weinbau in der Region. Fortan prägten Olivenhaine mehrheitlich das Landschaftsbild, bis am 14. Februar 1956 erneut eine Katastrophe die Lebensgrundlage der Menschen am Fuß der Dentelles zerstörte. In einer einzigen grausam kalten Nacht sprengte der Frost die Borke von den Stämmen und ließ die uralten Bäume zu totem Holz werden. „Wer diese Bäume nicht gesehen hat, kennt nicht die volle Bedeutung des Wortes Verzweiflung“, schrieb der Dichter Pierre Magnan über die Folgen jener Nacht*. In Tausenden von Tonnen wurde das abgestorbene Holz später in Öfen und Kaminen verheizt. Selbst an der Côte d‘Azur herrschten in jenem Februar Temperaturen von minus 20 Grad und in Saint Tropez lag der Schnee bis zu einem Meter hoch.

Noch im gleichen Jahr gründeten sieben Bauern die Winzergenossenschaft Cave des vignerons de Gigondas und begannen damit den Neuanfang.

Gut abgemischt

Rund 5 Millionen Flaschen Gigondas AOC werden inzwischen jährlich abgefüllt, der Hektarertrag ist dabei auf 36 Hektoliter begrenzt. Der Wein ähnelt dem aus dem nahen, im Rhônetal gelegenen Châteauneuf-du-Pape. Es ist ein Verschnitt, eine Assemblage aus verschiedenen roten Rebsorten, wobei die Grenache-Traube dominiert. Der Wein ist sehr kräftig, mit fruchtigem, teils pfeffrigem Aroma und von dunkelroter bis violetter Färbung; das Bouquet erinnert an Kirschen, zerquetschte Erdbeeren und sehr reife Brombeeren, Johannisbeeren und Blaubeeren; im Alter entwickeln sich Wald- und Trüffeldüfte. Der natürliche Mindestalkoholgehalt darf 12,5% nicht unterschreiten, gelegentlich wird aber auch 15% erreicht  – von einem leichten Wein ist das dann relativ weit entfernt.

Die Schotter- und Lehmböden des Anbaugebiets liegen auf einer Höhe zwischen 100 und 430 Metern, das Klima ist mediterran. 74 Güter sowie eine Winzergenossenschaft vermarkten die auf rund 1.300 Hektar gewonnenen Weine. Die Exporte gehen überwiegend in die Schweiz, in das Vereinigte Königreich und in die USA. Auch vor Ort kaufen auffallend gern Briten, aber auch Niederländer und Belgier direkt bei den Weinbaubetrieben ein. Für eine Verkostung der Weine bieten sich Le Caveau de la Cave an der Umgehungsstraße D7 sowie in der Ortsmitte Le Caveau, der Gigondas-Weinkeller, das gemeinsame Probierzentrum zahlreicher Domaines und Chateaus an.

Die tektonische Struktur der Dentelles de Montmirail. Grafik ©: Gigondas Appellation; Gigondas Appellation Press Book, S. 4; www.gigondas-vin.com/pdf/gigondas_pb.pdf [19.12.2013]. Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken

Die tektonische Struktur der Dentelles de Montmirail. Grafik ©: Gigondas Appellation; Gigondas Appellation Press Book, S. 4; www.gigondas-vin.com/pdf/gigondas_pb.pdf [19.12.2013]. Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken

In jeder Hinsicht ein Genuss

Es gibt zahlreiche sympathische Restaurants im Ort und der näheren Umgebung, in denen sich trefflich speisen und lokale Weine probieren lässt. Exzellente Genüsse bietet zum Beispiel das Restaurant L’Oustalet in der Ortsmitte. Touristischer Höhepunkt ist aber das Hotel-Restaurant Les Florêts. Etwas ober- und außerhalb des Ortes gelegen, sitzt man dort auf der riesigen Terrasse unter Kastanien unmittelbar vor der spektakulären Kulisse der einmaligen Felszacken. Auch hier ist die Küche außergewöhnlich. Der allgegenwärtige plat du jour kommt als petit pause du midi  daher und ist mit 27 Euro (12.2013) aber auch vergleichsweise teurer als anderenorts, das große Menü (quatre saisons) kostet zwischen 45 und 51 Euro, die Auswahl an Gigondas-Weinen ist – wie in den meisten Restaurants vor Ort – beeindruckend.

Nach genüsslichem Speisen sollte niemand versäumen, die Dentelles de Montmirail zumindest ein Stück weit zu erwandern. Vom Les Florêts aus geht dies – immer bergan auf breitem und gut befestigtem Weg – zum Beispiel bis zum Aussichtspunkt am Rocher du Midi. Die Weinberge zur Rechten, führt die Wanderung immer unterhalb der faszinierenden Felsplatten entlang, die Freeclimber aus aller Welt anziehen.

Die Erde als Spitzenklöpplerin

Die Kette der teils parallel verlaufenden fünf Spitzen (Dentelles) zieht sich über acht Kilometer von Südwest nach Nordost. Die niedrigste dieser Kalksteinwände erhebt sich bis zu einer Höhe von 529, die höchste bis zu einer von 730 Metern. Entstanden ist das bizarre Gebilde in Folge einer Auffaltung längs des Nîmes-Grabens, der sich bis in den Golf von Lyon zieht.

Nicht nur Kletterer, die hier ein kleines Paradies vorfinden (zahlreiche Genusskletterouten im mittleren Schwierigkeitsgrad, aber auch einige schwierigere Routen [Quelle: gipfelblick.org]), kommen in dem teils schwer zugänglichen Gelände auf ihre Kosten. Auch für Wanderer hat das Terrain etliche Höhepunkte zu bieten. So führen abenteuerliche Trails zwischen den scharfkantigen Kalksteingiganten in  verwunschene Täler, zu einer über tausend Jahre alten Klosterruine oder einem versteckten Wasserfall.

Auch einer der regionalen Wanderwege (GRdP, Markierung: gelb-roter Balken), der Grande Randonnée de Pays „Tour des Dentelles de Montmirail“ durchzieht das Gebiet und führt am südlichen Ende bis nahe an das namensgebende Montmirail heran. Weit entfernt von den Hauptverkehrsrouten besteht der Ort praktisch nur aus einem Hotel. In vergangenen Jahrhunderten war dies ein beliebter Kurort, in dem berühmte Künstler, wie zum Beispiel der Provencedichter und Nobelpreisträger Frédéric Mistral oder aber auch die legendäre Schauspielerin Sarah Bernhardt Erholung fanden.

Wanderung entlang der Spitzen der Grand Montmirail. Foto ©: cleevesmedia. Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken

Wanderung entlang der Spitzen der Grand Montmirail. Foto ©: cleevesmedia. Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken

Zufluchtsort vor den Sarazenen

Knapp ein Kilometer nördlich von Montmirail, sind auf einem Hügel die Ruinen eines Tour Sarrasine zu entdecken, der – ebenso wie der langgestreckte Kamm der Dentelles Sarrasines – daran erinnert, dass die Sarazenen in der Folge der islamischen Expansion vom 8. Jahrhundert bis zur Schlacht im provenzalischen Tourtour im Jahr 973, über den Süden Frankreichs herrschten. Nicht immer erwiesen sie sich dabei als friedfertige Eroberer. Die Menschen in den Dörfern und Klöstern der Region nutzten deshalb die geologische Besonderheit der Dentelles zur Beobachtung von Truppenbewegungen und als verstecktes Rückzugs- und Schutzgebiet vor den Feinden.

Dort hinkommen und bleiben

Anreise
Département: Vaucluse
Der Gebirgszug der Dentelles de Montmirail liegt etwa 15 Kilometer östlich der Stadt Orange am Fuß des Mont Ventoux. Den Ort Gigondas erreicht man:

  • aus Nordwest von der A7/E15 (Lyon–Avignon) kommend, von der Abfahrt Bollène aus auf der D8 über Ste. Cécile-les-Vignes;
  • aus Süden und Osten von Carpentras aus kommend, auf der D7.

Unterkünfte
In Gigondas und den umliegenden Orten gibt es neben charmanten Hotels in der 3-Sterne-Kategorie auch einfachere Häuser.

Eine perfekte Alternative zu Hotels sind die vielen Chambres d’hôtes, Zimmer mit Frühstück in oft traumhaften Privatobjekten. Meist bieten die Vermieter ihren Gästen zusätzlich ein individuelles Freizeitprogramm oder auch Kurse, wie zum Beispiel Malen oder Kochen an.

Für längere Aufenthalte, Familien oder Gruppen sind die unzähligen Ferienhäuser (Gîtes) erste Wahl. Das Angebot reicht von einfachen, rustikalen Objekten bis hin zu luxuriösen Villen mit Pool.

Weitere Informationen

Allgemein
www.gigondas-dm.fr/officetourisme/indexoffice.asp übersichtliche Website des Touristenbüros von Gigondas (auf Französisch und Englisch) mit guten Informationen über das gesamte touristische Angebot. Dort auch weiterführende Kontakte zu Hotels etc..
http://fr.wikipedia.org/wiki/Dentelles_de_Montmirail sehr umfangreiche Informationen über die Dentelles de Montmirail auf der französischen Wikipedia-Site

Unterkünfte
www.gites-de-france-vaucluse.com/

www.chambres-hotes.fr/departement_chambres-hotes_vaucluse_84_de.html
oder Hotels über die einschlägigen Buchungsportale

Restaurants
Auswahl mit vielen Gästemeinungen und Fotos z.B. bei TripAdvisor

Wein
www.gigondas-vin.com/ sehr umfangreiche Website von Le Caveau, dem Gigondas-Weinkeller (auf Französisch und Englisch)
www.cave-gigondas.fr/ Website der Genossenschaftskellerei Le Caveau de la Cave

Kletterführer für die Dentelles de Montmirail über
www.kletterfuehrer.net

Wander- und Fahrradkarte
Institut Geographique National, www.ign.fr:
Carte randonnée 3040 ET, 1:25.000 (Carpentras, Vaison-la-Romaine und Dentelles de Montmirail). ISBN: 978-2-7585-2254-6

Zahlreiche Wanderrouten mit vielen Trail-Details (auf Französisch)
http://de.wikiloc.com/routen/wandern/france/provence-alpes-cote-dazur/gigondas

* Pierre Magnan: L’Occitane: Une histoire vraie. Éditions Denoël 2001. Aus der englischsprachigen Ausgabe (The Essence of Provence: The Story of L’Occitane, Arcade Publishing 2003, S. 7) vom Autor übersetzt.

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Alle Angaben ohne Gewähr. Stand Dezember 2013. © www.tom-burger.de

 

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