Magische Bücherwelt. Die Kornblume des Monsieur Gattefossé

Banon liegt abseits. Hier war jahrhundertelang das Ende der Welt verortet – umgeben von schrundigen Felsen, Eichen- und Kastanienwäldern, Lavendel, Ziegen und Einsamkeit. Bis heute führt kein nennenswerter Verkehrsweg in diese provenzalische Idylle, die in den letzten dreiundzwanzig Jahren für Bibliophile zum Nabel der Französischen Republik geworden ist.

Die Ursache dafür ist die Buchhandlung Le Bleuet – zu Deutsch Die Kornblume – des Joël Gattefossé. Die Librairie durchzieht mit dem verzaubernden Geflecht ihrer magischen Bücherwelt ein pittoreskes Ensemble altertümlicher Häuschen im Zentrum des Tausend-Seelen-Ortes Banon. Dort stehen mehr als zweihunderttausend Bücher dicht an dicht in Alleen heller Holzregale. Eine Million weiterer Werke sind jetzt in einem neuen Gebäude am Dorfrand untergebracht. Damit ist Le Bleuet an die Spitze der größten französischen Buchhandlungen gerückt.

Das provenzalische Dorf Banon.  Foto © Jean-Marc Rosier, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Banon_by_JM_Rosier.jpg [3.11.2013], CC BY-SA 3.0

Das provenzalische Dorf Banon.
Foto © Jean-Marc Rosier, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Banon_by_JM_Rosier.jpg [3.11.2013], CC BY-SA 3.0

Mit siebenundsiebzig Büchern fing alles an
Der gelernte Tischler Gattefossé kam 1990 in seinem zweiten Lebensentwurf nach Banon und übernahm dort einen völlig unbedeutenden Papierwaren- und Souvenirladen. In dem Lagerbestand des Vorbesitzers fand er auch siebenundsiebzig unverkaufte Bücher und damit seine Berufung. Seitdem trotzt er den Literatur-Megastores der französischen Metropolen, dem Trend zum Onlinekauf und der schleichenden Unlust am Buch beharrlich ein Wunder ab. Mittlerweile pilgern aus aller Welt Buchbegeisterte nach Banon. Sie kommen in Wanderstiefeln, High Heels oder barfuß, um sich in dieser „Kathedrale der Literatur“ zu verlieren, in der Bücher keinen Verkaufsplatz, sondern ein Zuhause haben.

Eine Kathedrale der Literatur: die Librairie Le Bleuet im provenzalischen Banon.  © Le Bleuet. www.lebleuet.fr [05.03.2014]

Eine Kathedrale der Literatur: die Librairie Le Bleuet im provenzalischen Banon.
© Le Bleuet. www.lebleuet.fr [05.03.2014]. Zum Vergrößern bitte auf das Bild klicken.

Werke, an die Gattefossé glaubt, werden in Le Bleuet nicht nach drei Monaten remittiert, sondern dauerhaft vorgehalten. In dem Labyrinth winziger, verschachtelter Räume stapeln sie sich auf dem Boden, in eng gestellten Regalen, deren obere Fächer nur über kleine Trittleitern den Zugriff ermöglichen, auf Treppenstufen, dem Kaminsims und den Fensterbänken. Ein magisches Universum bedruckten Papiers, dessen Wirkung sich kein Besucher entziehen kann.

Le Bleuet zieht nicht nur Leser sondern auch die Größen der französischen Literatur an. So begeisterte auch Pierre Magnan, das Urgestein der Provence-Literatur, bis zu seinem Tod 2012 bei regelmäßigen Lesungen unzählige Besucher. Häufig saß er auch nur an einem kleinen Tisch vor dem Eingang der Librairie an der Place Saint Just und signierte seine Werke, und ich bin glücklich, eines davon – „ pour Tom …“ – zu besitzen. Die Freundschaft zwischen Gattefossé und Magnan hat den Erfolg von Le Bleuet entscheidend mitgeprägt. Sein Krimi „Laviolette auf Trüffelsuche“ spielt in Banon und zeichnet ein liebevoll-gruseliges Bild trüffelbegeisterter Eigenbrötler, die für den Genuss an der schwarzen Knolle auch recht ungewöhnliche Mittel einsetzen. Über tausend Exemplare davon konnte der Buchhändler bei einer einzigen Lesung Magnans verkaufen.

Schöner lagern – die neue „Bibliothek von Ba(bel)non“
Es ist ein architektonisches Kleinod, das Gattefossé an den Ortsrand des steil aufragenden Banons bauen ließ. Hinter der Fassade aus Holz, Glas und Solarpanelen lagern in dem multifunktionalen Gebäude auf achtzehn hölzernen Regalkilometern eine Million Bände, die in der Enge der Buchhandlung keinen Platz finden. Wer dort im Zentrum nicht den Titel seiner Wünsche findet, kann das Buch nach wenigen Minuten in der neuen magischen Bücherwelt erhalten. Der Weg dorthin wird – trotz Steillage – mit einem der kostenlosen E-Bikes der Librairie zum Vergnügen. Die neue „Bibliothek von Banon“ dient vor allem auch dem immer bedeutender werdenden Versandbuchhandel von Le Bleuet, den die überarbeitete Website mit einer ansprechenden Warenpräsentation unterstützt.

Literaturschauplatz und Gourmetparadies
Banon ist nicht nur Verkaufsort sondern auch Schauplatz der Literatur. Ganz besonders hat Jean Giono diesen malerischen Flecken am Fuß der tausendachthundert Meter hoch aufragenden Montagne de Lure in seinen Büchern verewigt. Von dort aus lässt er den Helden seines Romans „Der Husar auf dem Dach“ seinen Abenteuern in der Region Basse-Alpes entgegenreiten, die damals noch nicht den touristisch wirkungsvolleren Namen Alpes-de-Haute-Provence hatte. Jean-Paul Rappeneau hat diesen Stoff mit Juliette Binoche und Olivier Martinez kongenial verfilmt. Und auch in meinem neuen Kriminalroman spielen Banon und die Librairie Le Bleuet eine Rolle, wenn Anselm Bernhard und seine Verlegerin dort Joël Gattefossé begegnen.

Ganz andere Vergnügen, als die der Literatur, bieten die Delikatessen von Banon. Da ist zunächst einmal der Banon Chèvre (Le Banon AOC) zu nennen, ein in Esskastanienblätter gehüllter Ziegenkäse, der bei Feinschmeckern aus aller Welt hochbegehrt ist. Vor Ort kann man ihn zum Beispiel dienstags auf dem Wochenmarkt, in einem kleinen Laden südlich der Marktplatzspitze oder in der Charcuterie „La Brindille Melchio“ an der Hauptstraße in großem Variantenreichtum kaufen. Eine zweite Delikatesse sind die berühmten, meterlangen Brindilles – dünne, getrocknete aromatische Würste – die es bei „Melchio“ gibt.

Die Charcuterie „La Brindille Melchio“ bietet die „Spécialité de Saucisses de Banon“, meterlange, dünne Würste. http://www.charcuterie-melchio.fr/produits.php [04.11.2013]

Die Charcuterie „La Brindille Melchio“ bietet die „Spécialité de Saucisses de Banon“, meterlange, dünne Würste. http://www.charcuterie-melchio.fr/produits.php [04.11.2013]


Anreise
Département: Alpes-de-Haute-Provence
Der Weg nach Banon führt ausschließlich über sehr kurvenreiche Straßen durch schroffes, einsames Bergland:

  • aus Süden oder Osten von der A51 (Gap–Aix-en-Provence) kommend, auf der D4100 über Forcalquier und weiter auf der D950;
  • aus Süd/Südwest von der D900 (Avignon–Forcalquier) kommend, über Apt auf der D22 und weiter über Simiane-la-Rotonde auf der D51;
  • aus Nordwest über Sault auf der D950; sowie
  • aus Norden auf der schmalen Passstraße D113 über den Gipfelgrat der Montagne de Lure.

Wer etwas Zeit hat, sollte auf dem Weg die Rundburg der Templer in Simiane, die ethnobotanischen Gärten der Prieuré de Salagon bei Forcalquier oder den Heimatort der beiden Schriftsteller Magnan und Giono, das historische Manosque im Durancetal besuchen.

Weitere Informationen
www.village-banon.fr/
www.lebleuet.fr/
www.le-bleuet.fr/la_librairie_le_bleuet.html
www.le-bleuet.fr/histoire_du_bleuet.html
www.banon-aoc.com/

www.le-bleuet.fr/tourisme.html (ein touristischer Bilderbogen, zusammengestellt von Le Bleuet)

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Alle Angaben ohne Gewähr. Stand November 2013. © www.tom-burger.de

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2 Gedanken zu „Magische Bücherwelt. Die Kornblume des Monsieur Gattefossé

  1. Was für ein schöner Beitrag, lieber Tom, und ein festes Ziel für unsere nächste Provence-Reise… Ich bin schon sehr gespannt auf den neuen Fall für Anselm Bernhard… steht schon ein ungefährer Erscheinungstermin fest? Viele Grüße, Nina.

    • Liebe Nina, vielen Dank für die Blumen. Der nächste Fall für Anselm Bernhard lag leider länger als gewünscht angefangen auf dem Schreibtisch – es geht jetzt aber mit Hochdruck voran. Ich hoffe auf das ganz frühe Frühjahr. Tom

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