Natürlich blond. Francesco Petrarcas Laura

Sie war blond. Sie war jung. Sie war schön Laura, Francesco Petrarcas sorgfältig konzipierte Muse, der er in 366 Versen huldigte. Von 1356 bis zu seinem Tod arbeitete er immer wieder an den Liebesgedichten an Laura. Veröffentlicht hat er sie nie und namentlich taucht die Angebetete nur einmal darin auf. Als Canzoniere ging das Werk in die Literaturgeschichte ein und begründete Petrarcas Ruf als bedeutendster Lyriker des Abendlandes.

Geschrieben hat der im italienischen Arezzo geborene Petrarca überwiegend in dem winzigen Dorf Fontaine de Vaucluse, im idyllischen Tal der Sorgue. Hierhin hatte er sich, der Papststadt Avignon überdrüssig, zurückgezogen. In seinem Haus, nur knapp einen Kilometer vom gigantischen Quelltopf des Flusses entfernt, schafft er einen Mythos. Bis heute ist die Erinnerung an Francesco Petrarca und seine Laura (franz. Pétrarque et Laure) im Vaucluse präsent. Schulen, Straßen, Feriendomizile, Restaurants, Reisearrangements und Wanderungen tragen ihre Namen; Fontaine de Vaucluse unterhält ein Museum in seinem ehemaligen Haus; es gibt unzählige Bücher über die beiden und Erwähnungen in nahezu jeder Broschüre aus der und über die Region.

Quelle: Frieda, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Francesco_Petrarca2.jpg. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported license.

Statue Francesco Petrarcas vor dem Museum Uffizien in Florenz,
Quelle: Frieda, http://commons.
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Petrarca2.jpg.
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Päpstliche Schubkraft – Avignon wird Nabel der Welt

Im 14. Jahrhundert war Avignon der Nabel der christlichen Welt. Von Rom hatte Papst Clemens V. im Jahr 1309 den Papstsitz in die kleine Stadt an der Rhône verlegt. Fast siebzig Jahre währte der Aufenthalt von insgesamt sieben Päpsten und der Kurie in Südfrankreich, dem „babylonischen Exil der Kirche“.

Mit Petrarcas Vater, der im Umfeld der Kurie als Notar tätig werden wollte, war die Familie 1311 aus Italien gekommen. Nicht Rom, nicht Paris und noch nicht Prag gaben den Ton im Europa der Renaissance an, sondern Avignon. Dorthin zog es ebenso geistliche und weltliche Führer, den Adel, Wissenschaftler, Künstler, Architekten, Handwerker und Kaufleute, wie Diebe, Vagabunden, Tagelöhner und Huren. Avignon wuchs in diesen Jahren auf mehr als 30.000 Einwohner an und wurde damit zu einer der größten Städte Europas. Der mächtige Papstpalast entstand, und um die Stadt herum wurde ein Verteidigungswall mit Stadtmauer erbaut. Das rasante Wachstum Avignons führte zu katastrophalen hygienischen Zuständen und begünstigte damit 1349 den Ausbruch der Pest, die mehr als 10.000 Menschen in der Stadt das Leben kostete.

Das Eingangsportal des Papstpalastes in Avignon. Quelle: Greudin, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Avignon-palais-des-papes.jpg. Public domain

Das Eingangsportal des Papstpalastes in Avignon. Quelle: Greudin, http://commons.wikimedia
.org/wiki/File:Avignon-palais-des-papes.jpg. Public domain

Touristische Spurensuche – die Laura-Identität

In Avignon trat der junge Francesco Petrarca nach seinem Studium der Rechte in den Dienst der Familie des Kardinals Giovanni Colonna. Dies sicherte ihm ausreichende finanzielle Mittel und den Freiraum zum Dichten. Am 6. April 1327, einem Karfreitag, will er kurz nach dem Morgengrauen in der Kirche Saint-Claire in Avignon zum ersten Mal Laura begegnet sein. Wer die blondgelockte Schöne war, und ob es sie tatsächlich gegeben hat, darüber gehen die Meinungen bis heute deutlich auseinander.

Laura dies ist nur ein dichterischer Kunstgriff Petrarcas, sagen die einen, und verweisen auf die Spielvarianten, die der Name zulässt: Da ist der Lorbeer (mit dem Petrarca sich zum Dichter hat krönen lassen), italienisch „lauro“; aber auch „laureo“ für Gold oder golden, was sich in der Erwähnung Ihrer goldenen oder blonden Locken in den Versen widerspiegelt.

Laura das ist eine reale Person, sagen andere und benennen ihre „wahre“ Identität: Sie wurde als Laura de Noves geboren und in jungen Jahren mit dem Grafen Hugues de Sade vermählt. Der Ort Noves am Stadtrand von Avignon nutzt diese Interpretation für sich.

Laura das ist eine reale Person, aber ganz anders als immer angenommen, ist die detektivische Schlussfolgerung des Alessandro Vellutello, der Anfang des 16. Jahrhunderts eine kommentierte Ausgabe des Canzoniere herausgibt. Er ermittelte mit akribischer Recherche,  dass Laura von einem Henri Chiabau abstammt, dem Herrn von Cabrières, einem Siedlungsflecken knapp 20 Gehminuten von Petrarcas Wohnort Fontaine de Vaucluse entfernt, beschreibt der Münchner Philologe Gerhard Regn. Zarte dreizehn Jahre soll sie bei der Begegnung mit Petrarca gewesen sein, so hat Vellutello es im Geburtenregister ermittelt. Stattgefunden hat diese Begegnung auf dem Weg zur Karfreitagsmesse in L’Isle-sur-la-Sorgue, da es in Cabrières nur eine Oster- aber keine Karfreitagsmesse gab.

Kopflos in Arquà – das Geheimnis des Herrn Petrarca

Die spannende Spurensuche nach Laura bewegt bis heute die Wissenschaft. Überhaupt bleibt vieles an Francesco Petrarca geheimnisumwoben und rätselhaft. So reiste der, oft Obrigkeit und Zustände seiner Zeit harsch kritisierende Dichter unbeschadet seiner Kritik kreuz und quer durch Europa. Und dies in verzwickter diplomatischer Mission und im Auftrag von hohen Klerikern und Fürsten. In einer Zeit, in der die Pest 25 Millionen Opfer forderte und damit etwa ein Drittel der europäischen Bevölkerung tötete, in der die Inquisition wütetet und die Hexenverfolgung für Tausende auf den Scheiterhaufen endete.

Aus allen Widrigkeiten ging Petrarca unbeschadet hervor, lenkte gezielt Entwicklungen von ungeheurer Tragweite nach seinem Willen, beeinflusste Staaten und Kirche und verfolgte beständig sein Ziel, ein wiedervereintes, starkes Italien zu schaffen, mit Rom als Sitz der Kurie.

Er gilt als Vater des Humanismus, schrieb über Liebe, Philosophie und Sprache aber mehrheitlich über sich selbst. Er schuf ein gewaltiges, erst lange nach seinem Tod weit verbreitetes Werk und prägte wie kein anderer die Dichtkunst vieler Jahrhunderte. Ihn verband eine enge Freundschaft mit politischen Führern seiner Zeit und mit dem Dichter des Dekameron, Giovanni Boccaccio. Er war und ist der Mittelpunkt unzähliger wissenschaftlicher Studien und Abertausender von Buchseiten. 1374 stirbt er im italienischen Arquà und wird dort – heute Arquà Petrarca – in einem Sarg aus Veroneser Marmor beigesetzt.

1630 öffnet der Mönch Tommaso Martinelli mit vier Komplizen das Grab im Dom der Stadt und stiehlt den rechten Arm des Dichters. Im Jahr 1873 erfolgt durch den Wissenschaftler Giovanni Canestrini die erste Exhumierung, er hinterlässt ein Chaos ungeordneter Knochen im Sarg. 2005 lässt schließlich Professor Vito Terribile Wiel Marin den Sarg erneut öffnen, um zur 700-Jahr-Feier Petrarcas Gesicht rekonstruieren zu können. Dabei muss der Wissenschaftler der Universität zu Padua feststellen, dass nicht der Schädel des Dichters in dem Grab liegt, sondern der, einer hundert Jahre vor Petrarcas Geburt verstorbenen Frau.

Die Provence auf den Spuren von Petrarca und Laura

Fontaine de Vaucluse bei Youtube, u.a. mit einem Tauchvideo: http://www.youtube.com/watch?v=WTF5Hrh6ZY8

Touristische Informationen: zum Dichter und dem Museum in Fontaine de Vaucluse:
www.vaucluse.fr/569-le-musee-petrarque.html

zu Petrarca und Avignon
www.avignon-et-provence.com/personnages-provence/francesco-petrarque/#.UdKzN5wUnKc

zu Laura de Novis
www.noves.com/office_tourisme/historique/petrarque.php

zu Carbrières
www.cabrieres-davignon.fr/

zu Alessandro Vellutellos Werk und seinen Recherchen
http://www.sfb-frueheneuzeit.uni-muenchen.de/publ/PublBeisp.pdf

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Alle Angaben ohne Gewähr. Stand Juli 2013. © www.tom-burger.de

 

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