Tiefer Abstieg. Die Unterwelt des Vaucluse

Die Karstlandschaft des Vaucluse ist von unzähligen Spalten, Gängen und Höhlen durchzogen. Sie heißen in Frankreich Gouffre oder Aven und mehr als 600 davon zählen Höhlenforscher allein rund um den kleinen Ort Sault. Manche dieser Schachthöhlen sind absolut spektakulär.

In die Tiefe von 746 Meter hinab führt zum Beispiel die Höhle Le Trou Souffleur bei Saint Christol und 667 Meter sind es beim Aven du Caladaïre am Rande von Monsalier. Neben vielen weiteren „Höllenschlunden“ nehmen sie auf einer 1.100 Quadratkilometer großen Fläche das Ablauf- und Sickerwasser des Mont Ventoux, der Montagne de Lure sowie des Plateau de Vaucluse auf und leiten es bis zu den undurchlässigen Schichten in der Unterwelt des Karst. Dort staut sich das gigantische Reservoire des Albion-Flusses, um bei hohem Wasserstand bei Fontaine de Vaucluse als Fluss Sorgue wieder zu entspringen.

Bis zu unglaublichen 85 Kubikmetern kristallklaren Wassers sprudeln sekündlich an die Oberfläche. Die Quelle gehört damit zu den fünf bedeutendsten der Welt. Vom Regen auf das Vauclusegebirge bis zum Wiederaustritt des versickerten Wassers dauert es nur wenige Tage. Die dünne Erdschicht speichert kaum und die Spalten im Kalkstein des Karsts leiten das Wasser rasch hinab. Dies bemerkten auch die Bewohner von Saint Christol auf dem Plateau d’Albion, als im Jahr 1935 nach starken Regenfällen ein Geräusch aus einem Erdloch am Dorfeingang drang. Innerhalb von drei Tagen hatte sich damals der Wasseraustritt in Fontaine de Vaucluse mehr als verdoppelt. So stellte sich heraus, dass Le Trou Souffleur, das flüsternde Loch, ein natürliches Überdruckventil des Albion-Flusses war. Seit 1986 hat es immer wieder Erkundungen dieses weit verzweigten Höhlensystems gegeben, bis man 2002 schließlich bei -746 Metern die tiefste Stelle des flüsternden Lochs entdeckte. Sie befindet sich auf der gleichen Höhe, wie der 26 Kilometer entfernte Überlaufpunkt des Quelltopfes der Sorgue.

Der Quelltopf der Sourge in Fontaine de Vaucluse. Foro: Yann. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fontaine_de_Vaucluse_en_crue.jpg [26.06.2013]. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic license

Der Quelltopf der Sorgue in Fontaine de Vaucluse.
Foto: Yann. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fontaine_de_Vaucluse_en_crue.jpg [26.06.2013]. This file is licensed under the Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic license

Zwischen landschaftlichem Traum und touristischem Albtraum

Die Quelle liegt unmittelbar am Fuß einer 200 Meter lotrecht aufragenden Felswand in einem idyllischen Tal. Vallis Clausa, das geschlossene Tal, nannten die Römer diesen Fleck, woraus sich später der Name Vaucluse entwickelt. Immer wieder hat es Taucher in den mit 308 Meter tiefsten Quelltopf der Welt gezogen. 1878 erreichte der Marseiller Otonelli eine Tiefe von 23 Metern, Jacques-Yves Cousteau schaffte 1955 80 Meter und der Baden-Württemberger Jochen Hasenmayer 1983 in einem neunstündigen autonomen Tauchgang die Rekordtiefe von 205 Metern. Aber erst ein ferngesteuertes Tauchgerät, die Modexa 350, erreicht im August 1985 den Boden des Quelltopfs. Im Sommer 2002 hoben Taucher schließlich einen lange in der Quelle vermuteten Schatz: unzählige Bronze-, Silber- und Goldmünzen aus römischer Zeit.

Bereits die Römer Seneca und Plinius d.Ä. begeisterten sich im 1. Jahrhundert n.Chr. für das Tal von Fontaine de Vaucluse. Berühmt gemacht hat es aber der Dichter Francesco Petrarca, der dort von 1337 bis 1353 gelebt und die bedeutendsten seiner Werke geschrieben hat. Heute präsentiert sich das geschlossene Tal als ein Touristenmagnet mit Jahrmarkt-ähnlicher Ausprägung, die oft genug die Qualität eines Albtraums erreicht. Die hohe Fließgeschwindigkeit macht den Oberlauf der Sorgue zudem zu einem beliebten Kanurevier.

Entdecken

Die Gouffres und Avens des Vaucluse sind ein Eldorado für Naturforscher und Höhlenkletterer. In mehreren Clubs und Organisationen finden sich die Spéléologen, die Höhlenforscher zusammen und veranstalten Abstiege in die Unterwelt des Vaucluse. Wer Interesse an der Entdeckung dieser unterirdischen Welt hat, findet unter den nachfolgenden Internetadressen weiterführende Informationen (auf Französisch):

Buchungen und touristische Informationen
www.provence-tourismus.de/hohlenforschung/~/angebote-10-1.html

Von Alleingängen raten die Organisationen dringend ab.

Faszinierende Einblicke in die Unterwelt finden sich hier
http://p.prince.free.fr/pages/avencaladaire.htm
und hier:
ein Video zeigt bei Youtube den Tauchgang in den Quelltopf der Sorgue
http://www.youtube.com/watch?v=WTF5Hrh6ZY8

Der Aven (oder das Gouffre) du Caladaïre spielt in meinem Krimi „Grün. Le vert de la Provence“ eine unheimliche Rolle, und Francesco Petrarca wird der heimliche Held des im Spätsommer erscheinenden zweiten Provence-Krimis sein.

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Alle Angaben ohne Gewähr. Stand Juni 2013. © www.tom-burger.de

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3 Gedanken zu „Tiefer Abstieg. Die Unterwelt des Vaucluse

  1. Hallo Tom,
    ich war auch bereits mehrfach in Fontaine de Vaucluse. So schlimm fand ich den Touristenrummel gar nicht. Es gibt selbst an der Quelle und auf dem Weg dahin Möglichkeiten, den Zauber dieses Tales ganz für sich zu genießen. Natürlich, die ganzen Buden mit Eis oder Souvenirs auf dem Weg sind echt ätzend, aber das kann man großzügig links liegen lassen. Man weiß ja, warum man dahin geht. Wenn man dann einen der Tage erwischt, an denen die Quelle so richtig brodelt und diese gigantischen schäumenden Wassermassen ins Tal rauschen, ist man für den Touristenrummel absolut entschädigt. Und dass alle das einmal erleben möchten, ist doch total verständlich.
    Grüße Gerd

    • Lieber Gerd, du hast mit deinen Anmerkungen natürlich recht. Ich glaube nur, dass etwas weniger „Jahrmarkt“ das Erlebnis noch erhöhen und die Besucherströme etwas reduzieren würde. Die Verkaufsstände mit Nippes und Süßigkeiten sind für meinen Geschmack verzichtbar.
      Tom

  2. Pingback: Tiefer Abstieg. Die Unterwelt des Vaucluse | Pr...

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