Und ewig lockt der Mont Ventoux. Die alte Lust auf Berg

Dirk gewidmet, der mich mit diesem Berg vertraut gemacht hat

Er reckt sich keck fast zweitausend Meter hoch in den provenzalischen Himmel und beansprucht ein Alleinbeachtungsrecht. Und das bekommt der Mont Ventoux auch.

Bei Sonne kontrastiert sein kalkweißes Haupt dramatisch zu dem endlosen van-Gogh-Blau, das sich über die Provence spannt. Bei schlechtem Wetter verschwindet der massige Kegel dunkel und unwirklich in der Wolkenfront. Ganz oben faucht meist ein orkanartiger Wind. Das hat ihm auch seinen ursprünglichen Namen gegeben – Ventosus, der Windige.

Für den Dichter Francesco Petrarca war er der Olymp in der Provence. Seine vermeintliche Besteigung des Berges im Jahr 1336 hat er wortgewaltig beschrieben und sich dabei gehörig selbst inszeniert. Für die Kelten war der Berg Sitz der Windgötter und heute zieht er als Königsetappe der Tour de France Radfahrer aus aller Welt an, die auf den rund dreiundzwanzig Kilometern bis zum Gipfel ihr Ego pflegen. Bei der Tour selbst war wohl oft Epo eine beschleunigende Anstiegshilfe und mit Tom Simpson fand dort 1967 ein erster Fahrer dieser Radrundfahrt durch Amphetamine und Alkohol den Tod. Für Touristen ist „der Gigant der Provence“ schlicht ein Muss.

Ventoux von Mirabel

Ventosus, der Windige, nannte man den Mont Ventoux zu Petrarcas Zeit. Der Online-Pons übersetzt das lateinische „ventosus“ auch mit „aufgeblasen, eitel, prahlerisch“ …
Foto © Diniz; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mont_ventoux_from_mirabel.jpg [12.11.2013], CC BY-SA 3.0.
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Der Berg ist das Ziel!
Man fährt niemals auf dem Weg irgendwohin über den kahlen Sattel des Ventoux, den Col des Tempêtes (Pass der Stürme). Immer ist der Berg das Ziel. Der am wenigsten schwierige Anstieg zum Gipfel beginnt östlich im Tal von Sault und trifft sich bei Chalet Reynard mit der Straße, die vom südlich gelegenen Bédoin hinaufführt (die klassische Route der Tour de France). Über den Nordhang des Berges führt die Straße vom westlich gelegenen Malaucène hinauf. Von dort zweigt auch der Weg in den kleinen Wintersportort Mont Serein ab (etwa auf tausendvierhundert Meter über dem Meeresspiegel). Die Passhöhe der Routen liegt am absoluten Gipfelpunkt des Berges, wo die 1966 erbaute Wetterwarte wie ein gigantischer weißer Finger in die Luft ragt.

Die Wetterwarte auf dem Gipfel mit der nördlichen Rampe im Vordergrund Foto © Rsuessrb; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:FranceMontVentouxSummitfromNW.jpg [12.11.2013], CC BY-SA 3.0. Zum Vergrößern auf das Bild klicken

Die Wetterwarte auf dem Gipfel mit der nördlichen Rampe im Vordergrund
Foto © Rsuessrb; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:FranceMontVentouxSummitfromNW.jpg [12.11.2013], CC BY-SA 3.0.
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Brüchiger Riese
Der Col des Tempêtes markiert die von Osten nach Westen verlaufende Bruchkante einer gewaltigen Auffaltung an der Nahtlinie der Afrikanischen und der Eurasischen Erdplatte. Der Ventoux wurde bei den Verschiebungen dieser Platten aus einer kilometerdicken, im Trias (bis vor zweihundert Millionen Jahren) aus ozeanischen Sedimenten gewachsenen Kalkschicht in die Höhe geschoben. An der Südseite ist der Kalkstein bis hinauf zur Spitze zu grobem Geröll erodiert. Oberhalb der Bewaldung erweckt das immense, weiß leuchtende Kalkschotterfeld des solitären Steingiganten aus der Ferne den Eindruck von Schnee. Lediglich an der steileren Nordflanke ragen mächtige, lotrecht abfallende Felspartien aus den Wäldern, aber auch hier ist die Kuppe oberhalb von Mont Serein überwiegend von dem Kalkschotterfeld bedeckt.

Lebensraum mit Extrembedingungen
Lange Zeit war der Ventoux völlig kahl. Mittlerweile ist bis zur Höhe von rund tausendfünfhundert Metern durch Wiederaufforstung erneut ein fast durchgängiges Waldgebiet entstanden. Seit 1990 gehört der Berg zu den derzeit dreizehn Biosphärenreservaten (vgl. Link unten) auf französischem Boden, seit 1997 gehört auch der Luberon dazu. Entlang der rund tausendsechshundert Höhenmeter zwischen Fuß und Gipfel sind fast alle europäischen Klimazonen anzutreffen, mit einer außergewöhnlichen Vielfalt der Flora und Fauna. Mehr als sechzig seltene Pflanzenarten, darunter auch arktischer Provenienz, sowie Dutzende von Vogelarten sind dort beheimatet.

Gipfelstürmer

Erik Zabel, Christophe Mengin, Stuart O’Grady und ander Fahrer bei der Tour de France 2002 am Ventoux Foto ©  Christopher Voitus; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mont_Ventoux.JPG [12.11.2013], CC BY-SA 3.0. Zum Vergrößern auf Bild klicken

Erik Zabel, Christophe Mengin, Stuart O’Grady und andere Fahrer bei der Tour de France 2002 am Ventoux
Foto © Christopher Voitus; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mont_Ventoux.JPG [12.11.2013], CC BY-SA 3.0.
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Schweißtreibend in die Pedalen treten
Fünfzehn Mal führte die Tour de France bereits über den Ventoux. Mit einer durchschnittlichen Steigung von etwas über sieben Prozent und elf Prozent im steilsten Bereich, ist es auch für Profis kein Spaziergang hinauf. Gefürchtet ist dabei nicht nur der Sturm, der am Gipfel über 200 Stundenkilometer erreichen und bei Mistral (polarer Wind, der von Alpen und Massif Central eingezwängt auf die Provence gelenkt wird) auch im Sommer eiskalt werden kann. Auch die unbarmherzig auf den schattenlosen Sattel brennende Sonne, macht die Fahrt schnell zur Tortur. Die schier endlosen Ketten von Hobby-Radlern, die sich von Norden oder Süden täglich die Rampen hinaufquälen, beginnen sich dann auch sehr schnell in Kämpfer und Könner zu teilen, und manchem Kämpfer wünscht man, er möge die Fahrt lebend überstehen.

Laut Wikipedia ist dies bei bis zu zwanzig Fahrern im Jahr nicht der Fall. Tatsächlich dürfte die Zahl wohl höher liegen. Oft genug ist dabei der Leichtsinn eine größere Ursache als die Überforderung, wobei Leichtsinn sich teilweise auch als blanker Wahnsinn darstellt. Dies kommt beispielsweise vor, wenn ungeübte und unbedarfte Touristen mit Bussen zum Gipfel kutschiert werden, um sie dort auf Räder zur Schussfahrt ins Tal zu setzen.

Gemächlicher und ganz im Trend liegend, fährt es sich fast schweißfrei mit dem E-Bike hinauf. Das Elektro-Doping ist zwar nicht wirklich sportlich, aber was für den Gipfelstürmer einzig und allein zählt, ist der Erfolg.

Get your motor runnin‘ …
Bis zum 30. April bleibt der Pass an der Nordrampe aufgrund der Schneefallgefahr gesperrt. Am 1. Mai ist dann der Saisonauftakt für Biker. Es sind oft Abertausende, die an diesem Tag mit infernalischem Lärm dem puren Lustgewinn an den mehr als vierzig reinen Kurvenkilometern frönen. Schick ist es mittlerweile, in einer Gruppe von Buddys die Maschinen auf dem Hänger in die Provence zu bringen, um dort neben gutem Essen und komfortablen Hotels auch komprimiert die Kurven von zum Beispiel Ventoux, Col du Galibier, d‘ Allos, Cayolle oder Restefon/la Bonette zu genießen.

Automobile Leidenschaften
Am Ventoux treffen sich Erlkönige, Oldtimer und Flachländer zum Härtetest. Für automobile Neuentwicklungen bieten die Rampen ideale Voraussetzungen, unter härtesten Bedingungen Fahr- und Bremseigenschaften zu erproben. Die bizarren Tarnkarosserien der Erlkönige geben dann reichlich Anlass für Spekulationen, welches Fahrzeug sich darunter verbirgt.

Ab 1933 baute der elsässische Autohersteller Bugatti den Typ 57 mit dem Namen „Ventoux“. Eine Reminiszenz an die legendäre Bergstrecke, auf der 1902 das erste (die durchschnittliche Geschwindigkeit des Siegers betrug 47,5 km/h) und 1976 das letzte Rennen (150 km/h) stattfand. Heute treffen sich Oldtimer-Fans zu gelasseneren Fahrten über den Berg, bei Oldtimer-Rallyes oder bei Ausstellungen zum Beispiel in Malaucène.

Eines der ersten Autorennen zum Gipfel des Ventoux 1906. Foto: Agence Rol/Bibliothèque nationale de France; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:V%C3%A9hicule_Richard-Brasier_Mt_Ventoux.jpg [12.11.2013], public domain. Zum Vergrößern auf das Bild klicken

Eines der ersten Autorennen zum Gipfel des Ventoux 1906. Foto: Agence Rol/Bibliothèque nationale de France; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:V%C3%A9hicule_Richard-Brasier_Mt_Ventoux.jpg [12.11.2013], public domain.
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Mit moderner Technik ausgestattet, entscheidet heute das jeweilige Temperament der Fahrer über die benötigte Zeit für die Tour de Ventoux. Die läuft zwischen Rasern und Schleichern oft nicht sonderlich harmonisch ab und am Pass trifft man sich dann später bei der Parkplatzsuche wieder. Zwei Aussichts-Plattformen ermöglichen von dort bei wolkenfreiem Himmel und klarer Luft einen epochalen Blick auf die Seealpen im Osten, die Provence bis zum Mittelmeer im Süden und nach Westen auf die Berge der Cevennen mit dem davorliegenden Rhônetal, aus dem deutlich sichtbar die Kühltürme der Atomkraftwerke von Tricastin und Cruas dampfen.

Belohnen kann man sich für den Gipfelsturm am Crêpesstand, beim Kauf von Süßigkeiten, regionalen Spezialitäten oder provenzalischem Nippes. Zur Hochsaison herrscht Jahrmarktsatmosphäre am Col des Tempêtes.

Into the Wild
Petrarca hat es vermeintlich getan und damit Wanderern, die heute den Berg auf seinen vorgeblichen Spuren besteigen, ein literarisches Vorbild geschaffen. Ihm folgen aus den Touristenorten geführte Touren, die gelegentlich auch nachts starten, um oben den Sonnenaufgang über den Alpen präsentieren zu können. Der Aufstieg ist aber auch ohne Führung auf relativ gut beschilderten Wegen möglich. Der kürzeste Wanderweg und damit der steilste Aufstieg führt an der Nordflanke aus dem Tal der Toulourenc über den GR 9 in engen Serpentinen rund tausendfünfhundert Meter hinauf zum Pass. Wesentlich sanfter und dafür deutlich länger ist der Weg über den GR 91 B von Bédoin an der Südflanke aus, durch die beeindruckende Schlucht Combe de Malaval. Auf gut zwanzig Kilometern geht es dabei mehr als tausendsechshundert Meter in die Höhe.

Die Vielzahl der Bergpfade in allen Breiten und Neigungswinkeln ist auch bei Mountainbikern beliebt. Für sie gibt es zum Beispiel in Malaucène oder Bédoin gut ausgerüstete Radsportgeschäfte, Radverleih, Tourenkarten und auch Veranstalter für Touren mit dem VTT, dem Vélo tout terrain. Den Rausch der Geschwindigkeit kann man kaum anderswo lang anhaltender erfahren, als Downhill Ventoux, wobei das Landschaftserlebnis dabei vermutlich im Sinne des Wortes auf der Strecke bleibt.

Eines von zahlreichen YouTube-Videos zeigt vierzehn rasante Minuten Downhill-Ventoux. Veröffentlicht von SuperTinkes; www.youtube.com/watch?v=RphoLUVlRc0 [12.11.2013]. Zum Vergrößern auf das Bild klicken

Eines von zahlreichen YouTube-Videos zeigt vierzehn rasante Minuten Downhill-Ventoux. Veröffentlicht von SuperTinkes; www.youtube.com/watch?v=RphoLUVlRc0 [12.11.2013].
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Dort hinkommen und bleiben

Anreise
Département: Vaucluse
Der Weg zum Mont Ventoux ist im Vaucluse nicht zu verfehlen, der Berg ragt kilometerweit sichtbar über alle Höhenzüge hinaus:

  • aus Süden von Avignon oder Carpentras kommend, auf der D974 nach Bédoin oder auf der D938 nach Malaucène (von dort auch weiter auf der D242 über Veaux ins Toulourenctal)
  • aus Norden und Westen von der A7 (Lyon–Avignon) kommend, von der Autobahnabfahrt Bollène auf der D994/D94 und weiter auf der D20 über Vaison-la-Romaine und weiter auf der D938 nach Malaucène; von dort weiter zunächst der D938 folgend und dann auf der D19 nach Bédoin.

Unterkünfte
In Malaucène und Bédoin gibt es Hotels von einfacher bis zur gehobenen Kategorie. Mit dem Hotel Crillon le Brave erwartet anspruchsvolle Gäste aber auch eines der exklusivsten Objekte der Provence in dem gleichnamigen Weiler südlich von Bédoin.

Eine perfekte Alternative zu Hotels sind die vielen Chambres d’hôtes, Zimmer mit Frühstück in oft traumhaften Privatobjekten. Meist bieten die Vermieter ihren Gästen zusätzlich ein individuelles Freizeitprogramm oder auch Kurse, wie zum Beispiel Malen oder Kochen an.

Für längere Aufenthalte, Familien oder Gruppen sind die unzähligen Ferienhäuser (Gîtes) rund um den Ventoux erste Wahl. Das Angebot reicht von einfachen, rustikalen Objekten bis hin zu luxuriösen Villen mit Pool.

Weitere Informationen

Allgemein
www.lemontventoux.net/

Unterkünfte

oder Hotels über die einschlägigen Buchungsportale

Radfahren

Downhill-Video auf YouTube: www.youtube.com/watch?v=RphoLUVlRc0
Bilder und Videos von der Tour de France am Ventoux 2013: www.letour.fr/le-tour/2013/us/stage-15.html

Rad- und Wanderkarte
Institut Geographique National, www.ign.fr: Carte randonnée 3140 ET, 1:25.000. ISBN: 978-2-7585-1039-0
(vgl. auch den Beitrag „Wegweisend. Wandertipps für das Département Vaucluse“ in diesem Blog)

Lesen
Francesco Petrarca: Die Besteigung des Mont Ventoux.
Z.B. bei Insel, ISBN: 978-3-458-19163-6

Biosphärenreservate
www.unesco.org/new/en/natural-sciences/environment/ecological-sciences/biosphere-reserves/ [10.11.2013]

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Alle Angaben ohne Gewähr. Stand November 2013. © www.tom-burger.de

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